Vom Kunden, der alles bestellt, zu Hammer und Spezialwerkzeug
Von Jochen Rube
Prompting am Drive-in und im Handwerk erklärt
Der anstrengende Kunde
Jeder kennt unsere Fast-Food-Ketten und ihre Drive-Ins. Zu Beginn der Stunde erklärt man also folgende Herausforderung: „Ihr habt eine Ausbildung bei McDonald’s gemacht und heute ist euer Prüfungstag. Die Ausbilder sind etwas gemein und haben sich etwas Besonderes überlegt. Ihr müsst die Bestellung eines Kunden an die Küche weitergeben und habt dafür nur 2 Minuten Zeit – gebt ihr keine Bestellung weiter, seid ihr durchgefallen. Was einfach klingt, kann schnell umständlich werden, denn ihr habt einen etwas schwierigeren Kunden: mich.“
Danach wird der Handy-Timer auf 2:00 eingestellt und hochgehalten. Der „Kunde“ legt los: „Einmal Essen und Trinken!“ Die Schülerinnen und Schüler gehen darauf ein: „Was soll es denn sein? Ein Cheeseburger? Ein Menü?“ … – „Einmal Essen, bitte. Ihr habt doch Essen, oder?“ – „Sie müssen schon sagen, was Sie wollen.“ – „Einmal Essen, bitte. Ich habe Hunger.“ …
Mit ein bisschen Kreativität und Sturheit kann man das Spiel bis zum Ablauf der Zeit durchhalten und die Schülerinnen und Schüler nerven. Kurz vor Ende könnte irgendeine Bestellung schnell reingerufen werden. Welche Bestellung wurde in die Sturheit des Kunden hineininterpretiert und warum genau diese? Vielleicht, weil dieses Gericht das meistverkaufte ist?
Und was hat das mit KI zu tun?
Die Analogie drängt sich geradezu auf: Wer ungenau bestellt bzw. im Falle des etwas speziellen Kunden einfach null spezifisch werden kann, bekommt eine massentaugliche Antwort, die möglicherweise voll an seinen Bedürfnissen vorbei geht. Exakt so läuft es mit Prompts für eine KI. „Erklär mir die Französische Revolution“ ist ja nicht schlecht und man hat erst einmal „Futter“. Wenn man allerdings wirklich verstehen will, welche Fragen, Unterthemen und Konfliktlinien bei diesem Thema eine Rolle spielen, muss man sich beim Prompten mehr anstrengen und Grundmuster anwenden: Rolle, Kontext, Aufgabe, Format, Grenze sind ein guter Start dafür. Mehr Anstrengung beim Prompten, mehr echter Lernerfolg und tieferes Verständnis.
Und der Hammer?
Ein Hammer ist ein großartiges Werkzeug. Er funktioniert überall, er ist schnell zur Hand, und jeder kann ihn bedienen. Daran ist nichts falsch.
Der kurze Prompt ist der Hammer der KI-Nutzung: „Erkläre mir die Französische Revolution.“ Schnell getippt, universell einsetzbar, ohne Übung bedienbar. Und genau deshalb kann jeder ihn.
Nur hängen in der Werkstatt neben dem Hammer noch andere Werkzeuge: Zange, Schraubenzieher, Spezialwerkzeuge. Wer nur den Hammer kennt, behandelt alles wie einen Nagel. Ein ausformulierter Prompt mit Rolle, Kontext und klaren Anweisungen ist ein solches Spezialwerkzeug. Es braucht Übung, und es liefert bei der passenden Aufgabe in der Regel spürbar bessere Ergebnisse.
Mir geht es also nicht darum, den Hammer schlechtzureden. Es geht darum, die Spezialwerkzeuge um ihn herum nicht zu vergessen und zu wissen, wann man zu welchem greift.
Meine These, bewusst zugespitzt und nicht empirisch belegt: Wer früh lernt, zwischen Hammer und Spezialwerkzeug zu wählen, hat später einen Vorteil gegenüber denen, die nur den Hammer kennen. Und mit „später“ könnte die Arbeitswelt der Zukunft gemeint sein. Wir wissen es nicht sicher, aber es könnte hilfreich sein, der eigenen KI-Nutzung frühzeitig etwas mehr Tiefgang zu geben und die jetzt schon einfach möglichen Mittel wie Recherche-Zielrichtung, Quellenbewusstsein und Rückfrageelemente anzuwenden und damit zu trainieren.
Was das für den Unterricht heißt
Prompting ist trainierbar wie ein Handwerk. Je früher Schülerinnen und Schüler den Unterschied selbst erleben, desto eher können sie ihn bewusst wählen.
Der Drive-in-Einstieg braucht keinen KI-Zugang. Bei mir dauert er etwa zehn Minuten. Natürlich müssen die Analogie und die Bedeutung dahinter wahlweise erarbeitet oder erklärt werden, und je mehr Nachfragen kommen, desto besser. Wer Werkzeuge hat und sie mitbringen kann, kann vielleicht auch daraus eine Impuls-Szene gestalten, die anschaulich macht, worum es beim Prompting geht.
Welche Alltagsszene hat bei Ihnen schon einmal geholfen, Prompting zu erklären?